Post Date: 03/18/2002

Ein Mann und zwei Opossum

Ein Mann und zwei Opossums - Ein Erfahrungsbericht von scherpe über Ain't Gonna Be No Judgement Day - Baird, Stephen (18.03.2002)

Pro: Texte und Amerikanischer (Un)Zeitgeist
Kontra: Grundverständnis der amerikanischen Kultur unumgänglich...

ER ist zurück. Nein, ich spreche nicht von der Ärzteserie aus dem Fernsehen oder George Clooney. Aber fast. Denn Dr. Stephen Baird ist ein Arzt. Nur, daß er auch Musik macht. Und kann George Clooney das auch von sich behaupten? Und seine zweite CD mit dem Titel „Ain’t Gonna Be No Judgement Day“ soll heute und hier besprochen werden.

I. Die Künstler - (sic!) Dr. Stephen Baird ist zurück. Er, der uns erleuchtet hat mit seinem unvergleichlichen Erstling „Halleluhjah! Evolution!“. Er, der uns eine ganze neue Musikrichtung geschenkt hat, den Scientific Gospel. Und er hat Verstärkung mitgebracht: Zwei Männer, die sich nicht zu fein sind, sich als Opossums zu bezeichnen. Als Opossums of Truth. Dr. Baird ist eben das. Doktor der Medizin. Ein erfolgreicher Hochschullehrer an der UCSD. Ein erfolgreicher Vater. Soweit ich das beurteilen kann: Ein erfolgreicher Ehemann. Die Opossums bestehen aus seinem Sohn Daniel Baird und seinem Freund Ron Jackson, die dafür gesorgt haben, daß die Dr. Baird nicht mehr alleine auf der Bühne stehen und die Damenunterwäsche alleine einsammeln muß. Dankenswerterweise enthält die CD im Inlay auch ein Foto dieser Superstars des neuen Jahrhunderts. Die Opossums rahmen dabei Dr. Baird ein. In Kalifornien sind Dr. Baird und die Oppossums of Truth so etwas wie ein Geheimtip und spielen nur vor ausverkauften Häusern. Was auch daran liegen mag, daß sie bisher (und ich sage bisher) noch nicht in Football-Stadien aufgetreten sind.

II. Notwendige Hintergrundinformation - Um die CD und den darin im Übermaß vorhandenen Humor vollends genießen können, bedarf es eines tiefen Blickes in die amerikanische Seele. Oder vielmehr ein Verständnis dessen, was gemeinhin als amerikanisch betrachtet wird. Amerika ist zu polymorph, um nur eine Seele zu haben. Oder würden sie den Attentäter von Oklahoma und George W. Bush in eine Topf werfen? Ääh, schlechtes Beispiel, noch mal: Würden Sie Martin Luther King und George W. Bush in einen Topf werfen? Michael Jackson und Michael Chang? Muhammed Ali und den Großmeister des Klu Klux Klan? Eben. Also: Den Amerikaner gibt es nicht. Oder doch? Diese CD beschäftigt sich jedenfalls mit einem Phänomen, daß bei aufgeklärten Amerikanern und zumindest durchschnittlich gebildeten Europäern nur Kopfschütteln hervorruft: Der erstaunlichen Bereitschaft zur Realitätsverdrängung in weiten Teilen der fundamentalistischen amerikanischen Christen. Mein persönlicher Höhepunkt war diesbezüglich die mir angesichts einer Diskussion in den USA von einem solchen Fanatiker gestellte Frage: „Wenn Gott nicht gewollt hätte, daß die Amerikaner die Weltführung übernehmen, hätte er dann die Bibel in Englisch geschrieben?“ Kein weiterer Kommentar. Daß selbst wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert bzw. bibelgerecht verhackstückt werden hat bei Dr. Baird zu dem ersten Urknall geführt, dem wir seine erste CD zu verdanken haben, die an dieser Stelle nochmals ausdrücklich empfohlen sei. Und wer glaubt, Urknälle seien eine einmalige Angelegenheit, der sollte sich die zweite CD zulegen.... Und damit zur eigentlichen Besprechung dieser CD: Das Prachtstück ist Comedy pur, großartige Texte, eingängig verpackt in Musik. Für alles (mit Ausnahme des 11 Liedes, bei dem er offenlegt, die Musik geliehen zu haben) ist Dr. Baird verantwortlich. Vollständig.

III. Musikstil - Während aller Lieder gelingt es, daß die Musiker miteinander und nicht gegeneinander spielen. Sonst sei nur angemerkt, daß wer Tanzmusik sucht, doch besser sein Glück woanders versuchen sollte. Jeder meiner Versuche, die CD auf Parties einzulegen, wurde mit Rauswurf und/oder Alkoholentzug bestraft. Jedenfalls erlaubt es die Musik vorzüglich, die Texte zu genießen.

IV. Die einzelnen Lieder Auch diese CD bietet wieder ein fulminantes Feuerwerk hintersinnigster und vordergründigster Texte. Allerdings liegen sie diesmal nicht bei, sondern können zum Nachlesen und Mitsingen von www.scientificgospel.com im PDF-Format heruntergeladen werden.

1. Prayer in Public Schools Wer’s noch nicht wußte: In amerikanischen Schulen wird zum Teil ein morgendliches Pflichtgebet gesprochen (andere besingen die Flagge). Schade nur, wenn man nicht der Religionsgruppe angehört, die das Gebet vorschreibt. Dr. Baird erklärt uns, was passieren würde, wenn ein tatsächlich und wahrhaft ökumenisches Gebet, daß auch Agnostiker miteinbezieht, gesprochen würde. Nur eins ist klar: So hatten diejenigen, die sich für solche Gebete einsetzen, nicht gewettet... 2. Charles Darwin Mit den mageren Worten „Our hero“ kommentiert Dr. Baird diesen Song. Eine hommage an Charles Darwin, dessen Erekenntisse von einigen amerikanischen Schulen beharrlich ignoriert werden. In anderen Schulen dürfen die Eltern wählen, ob der Biologie-Unterricht nach der Bibel oder der Evolutionslehre erteilt wird (KEIN WITZ!). Grund genug, Charles Darwin zu feiern. 3. Ballad of Gregor Mendel “Also our hero”. Der Priester, der unzähligen Schülergenerationen das Erbsenzählen beigebracht hat, hat auch einen Song verdient. 4. Randomness Is Good Enough For Me Inspiriert von Stephen Jay Gould. Und ein bissiger Angriff auf diejenigen, die glauben, daß alles vorbestimmt sei und dennoch versuchen, durch Gebete sich ein größere Stück vom Schicksalskuchen zu sichern. 5. The Virgin of Spumoni Hier wird ein Ereignis aufgegriffen, daß sich wirklich zugetragen hat, als der jetzige Präsident noch Gouverneur von Texas war (auch wenn er für diesen Vorfall wohl nichts kann). Mit Wunderheilung und allem, was dazu gehört. Schade nur, daß die „Wunderheilung“ doch sehr vorübergehender Natur war.... 6. The Naked Ape Ein eher philosophischer Song, der uns mit zwei essentiellen Fragen konfrontiert: A) Warum haben wir den größten Teil unserer Körperbehaarung verloren (und versuchen den Rest auch noch zu unterdrücken)? Und: Hat es uns etwas gebracht? 7. The Partly Mythological Ballad of Stanley Miller Dr. Stanley Miller ist ein Kollege von der UCSD. Nie wurden ein poetischerer Song über die Forschung an Aminosäuren geschrieben. 8. We Might Have Been Dinosaurs Ein Mißverständlicher Titel, hat man doch oft den Endruck, daß einige von uns Menschen im Grunde Dinosaurier sind. Dieses Lied erklärt, was passiert wäre wenn dieser Meteor die Erde verfehlt hätte... Und welche Konsequenzen das für’s zählen gehabt hätte. Ein Song, der Mathematiker begeistern dürfte. Vorausgesetzt, sie haben Humor. 9. Dead White Males In Amerika hat man die besten Chancen auf beruflichen Aufstieg, wenn man weiß und männlichen Geschlechts ist. Damit das so bleibt, wurde vielerorts die Minderheitenförderung abgeschafft. Nach der Meinung derer, die meine, es wissen zu müssen: Das ist auch richtig so, denn die maßgeblichen Figuren der Geschichte sind weiß, männlich – und tot. Mehr davon! 10. The Family of Man Nicht etwa ein topaktuelles Lied über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, nein, “Man” meint hier “Mensch”. Sexistisch, ich weiß. Jedenfalls geht es um unsere Verwandtschaft... 11. Water Die Essenz des Lebens. In verschiedenen Temperaturen. 12. Walk Down In The Water Im Wasser begann es. Dann wollten ein paar Viecher unbedingt aufs Land... 13. The Great Colorado In Deutschland eine überteuerte Süßigkeit von Haribo, in den USA ein gewaltiger Fluß. Dieser Song begleitet ihn von Anfang bis Ende und zurück. 14. We’re 99,9% the Same Glaub’ es oder nicht, auch Dein genetisches Material ist zu 99,9% mit dem Deines übelriechenden Nachbarn identisch. Und mit dem von George W. Bush. Aber Trost ist auf dem Weg. Sowohl Du als auch er sind zu 98% mit Schimpansen identisch. Das erklärt einiges. 15. Do You Think We’re Alone Schon wieder Süßigkeiten als Thema? Nein, Milky Way ist englisch für Milchstraße, und die ist hier gemeint. Und ein Blick über den Tellerrand unseres inzwischen als rund anerkannten Heimatplaneten. 16. I Have Seen Evolution With My Own Two Eyes Der völlig berechtigte Angriff auf Kansas, wo festgeschrieben wurde, daß die Evolutionslehre nicht mehr Bestandteil des Unterrichts sein sollte. (Wer unsere Verwandtschaft mit Affen abstreitet, sieht nicht genug fern.) 17. Ain’t Gonna Be No Judgement Day Das grandiose Finale über ein ausbliebendes Finale.

V. Fazit Ein bedeutenderer Schritt zur Aufklärung des selbsternannten Weltführervolkes (häßliches Wort, oder?). Aber diejenigen, die sich diese Texte zu Herzen nehmen sollten, werden sie nicht hören sondern als Jungfrauen in die Ehe gehen. Wie dem auch sei, alle anderen haben die Wahl. Auch wenn die Texte etwas ernster sind als auf der ersten CD, ein absolutes Pflichtprogramm für jeden, der sich bei den Nachrichten über amerikanische Politik die Haare rauft. Anfängern in dem Genre sei zum Kauf der ersten CD geraten, bevor diese für Fortgeschrittene erworben wird. Zum Abschluß noch ein Hinweis auf die homepage, die in jedem Fall einen Blick wert ist: www.scientificgospel.com. Mein Lieblingsfeature sind die totally useless facts. Und natürlich IgnoRANT.... Lest diese Seite und hinterlaßt eine Nachricht – gerne auch auf deutsch. Und grüßt von mir. Ansonsten ist Kontaktadresse: Scientific Gospel Productions 255 South Rios Ave Solana Beach, CA 92075 USA Zum Abschluß soll der Prophet des Scientific Gospel (ich schätze, diese Einstufung erzeugt bei Dr. Baird kaltes Entsetzen...) noch einmal selbst zu Wort kommen: Enjoy. Reality can be a lot of fun. Evolution really can turn a fish into a man.

Cover-Design:* annehmbar
Klangqualität:* annehmbar
Langzeithörspaß:* wird nicht schnell langweilig
Gelegenheit:* Richtig Zuhören
Häufigkeit der Nutzung:* ab und zu
Dieser Tonträger ist: einer der besseren des Künstlers
Besitzen sie das Produkt?* ja
Kaufanreiz: Vorliebe für den Künstler
Empfehlenswert: ja
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